19.01.2018: Birkel vor der IHK über Digitalisierung

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Janin Meiritz
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    Christoph Birkel beim Neujahrsempfang der IHK Schleswig-Holstein

    Beim Neujahrsempfang der IHK Schleswig-Holstein in der Lübecker Musik- und Kongresshalle stand vor 1300 Besuchern das Thema „Digitalisierung“ im Mittelpunkt des Abends. Am Beispiel eines Klempners erläuterte Gastredner Christoph Birkel, Geschäftsführer des hit-Technoparks in Hamburg, wie Apps und mobile Dienste analogen Handwerkern das Leben schwer machen. „Wir haben es mit drei Herausforderungen zu tun: Kunden, die wir nicht mehr verstehen, Konkurrenz aus der ganzen Welt und Technologiesprünge, die immer schneller kommen“, sagte Birkel. Die digitale Zukunft betreffe alle, keiner könne sich davor verschließen. Birkel schloss mit einem Satz von Charles Darwin: „Nicht die Stärksten werden überleben, sondern die, die sich am schnellsten anpassen können.

     


     

    Hier die Rede im Wortlaut:

    „Wir sollten nicht den digitalen Tod sterben“

    Rede von Christoph Birkel, Geschäftsführer hit-Technopark, beim Neujahrsempfang der IHK Schleswig-Holstein in Lübeck im Januar 2018 zum Thema „Digitalisierung“.

     

    Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

    sehr verehrte Damen,

    sehr verehrte Herren,

    mein Klempner ist 55 Jahre alt und hat 30 Mitarbeiter. Er ist richtig gut im Geschäft, und er weiß, was er tut. Ich mag ihn sehr. Dieser Mann sagt mir voller Inbrunst und Überzeugung: „Digitalisierung – die betrifft mich nicht. Damit habe ich nichts zu tun! Da droht mir keine Gefahr. Ich weiß doch, wie das Business läuft, und das ist seit Jahrzehnten gleich: Ich habe meinen Schützenverein, habe in den Dörfern um mich herum mein Kundenklientel. Über diese Kontakte verkaufe ich mehr Heizungen, als ich eigentlich verkaufen kann. Warum also soll ich mich mit Digitalisierung beschäftigen? Ich brauche doch nicht noch mehr Umsatz.“

    Mein Klempner sitzt leider einer Reihe von Fehleinschätzungen auf.

    Wissen Sie, wer gerade der größte Heizungsinstallateur in Deutschland ist? Es ist ein Start-up aus Berlin, das über eine App Heizungen verkauft. Die Firma heißt Thermondo. Sie ist deutschlandweit tätig und wächst. Schnell. Und plötzlich hat mein Klempner vor Ort eine Konkurrenz aus Berlin vor der Nase.

    Aufgrund der exzellenten Konjunkturlage in den vergangenen Jahren bemerkt mein Klempner diese aber noch nicht. Aber lassen sie die Konjunktur einmal einbrechen. Und das wird sie ja irgendwann. Dann kann Thermondo über ihre Skalierung die Preise senken, und zwar deutlich niedriger als mein Klempner.

    Und das ist nicht die einzige Gefahr. Thermondo bietet nebenbei noch andere Dienstleistungen per App an: Heizkostenabrechnung, Steuerung und Überwachung der Heizung. Dinge, die mein Klempner nicht anbieten kann. Von denen er aber ohnehin meint, dass er es gar nicht muss, weil seine Kunden diese Leistungen auch nicht brauchen und nicht wollen.

    Viel wichtiger aber ist: Die nächste Kundengeneration meines Klempners, die digitale Generation, die sitzt nicht mehr im Schützenverein. Die sitzt an den Smartphones. Und deshalb erreicht mein Klempner die gar nicht mehr. Und er wird von ihr auch nicht gefunden. Mein Klempner existiert für die kommende Generation also gar nicht mehr, weil er digital gar nicht stattfindet.

    Er kann noch so gute Heizungen bauen: Er stirbt den digitalen Tod.

    Hier geht es also im Zusammenhang mit der Digitalisierung gar nicht nur um das Produkt selbst, sondern genauso um die Kundenbeziehung.

    Uns ist allen klar, dass sich der Mensch als soziales Wesen digitalisiert. Facebook, Twitter, Partner finden, Partner entsorgen, alles per App möglich. Und das gilt auch für unser Einkaufsverhalten. Denn dieses hat sich durch die Digitalisierung verändert. Und wir stehen erst am Anfang. Denn besonders betrifft der Wandel die nächste Generation. Die jungen Leute, die mit den neuen Medien wie selbstverständlich aufwachsen.

    Wir als Unternehmer müssen deshalb verstehen, welche Produkte und Dienstleistungen unsere Kinder brauchen und wollen, wie sie sich im Netz verhalten, wie sie suchen, wie sie sich entscheiden. Denn unsere Kinder sind unsere Kunden der Zukunft.

    Ehrlich gesagt: Mir fällt das schwer. Wenn ich gucke, wen meine neunjährige Tochter im Netz so alles toll findet, Stars, von denen ich noch nie etwas gehört habe, auf Portalen, die mir überhaupt nichts sagen, die ich noch nicht einmal bedienen kann, wie selbstverständlich sie sich im Netz bewegt, dann zeigt mir das: Wir haben es bei der jungen, digitalen Generation mit einem Kunden zu tun, den ich nicht mehr verstehe.

    Meine Tochter als digitales Wesen ist mir total fremd.

    Und deshalb dürfen wir eben nicht denken wie mein Klempner. Der denkt: „Ich weiß doch, was meine Kunden wollen. Die wollen nur eine gute Heizung.“ Aber vielleicht wollen die doch noch viel mehr. Erst recht in der nächsten Generation.

    Jetzt können Sie sagen: Das war schon immer so. Bedürfnisse haben sich immer verändert. Ja, stimmt. Aber der Einfluss der Digitalisierung auf die Bedarfe und Anforderungen der jungen Generation ist viel größer als bisher. Und es ist viel schwieriger vorherzusehen, wohin sich etwas entwickelt.

    Der Grund liegt in der Geschwindigkeit der immer neuen Technologiesprünge.

    Dazu zwei Beispiele: Wir haben bei uns im hit-Technopark als Mieter ein großes Ingenieurbüro. Vor zwei Jahren haben die lange diskutiert, ob sie sich mit 3D-Planungsprogrammen oder BIM beschäftigen müssen. Es kostet viel Geld. Es gibt keine Anwendungen. Und es ist auch nicht ganz klar, ob die je kommen werden. Die Mitarbeiter erkennen den Sinn nicht. Also vielleicht lieber warten?

    Zum Glück hat sich das Ingenieurbüro entschieden zu investieren. Und sie hatten den richtigen Riecher. Schon heute, nur zwei Jahre später, ist es bei der Hälfte ihrer Aufträge notwendige Voraussetzung, genau das zu bieten, um den Auftrag zu gewinnen. In nur zwei Jahren hat sich die Anforderung geändert von: „Es gibt keine Anwendung“ zu „Es ist absolut notwendig, um überhaupt in das Bewerberverfahren aufgenommen zu werden“. Von Null auf 100 in kürzester Zeit. Und all die anderen Unternehmen, die sich bis jetzt noch nicht mit den neuen Programmen beschäftigt haben, werden es verdammt schwer haben. Wir sehen: Die Anforderungen verändern sich in einer rasanten Geschwindigkeit. Und fehlendes Know-how aufzuholen, ist daher heute viel schwieriger als bisher.

    Ein weiteres Beispiel:

    In den kommenden zwei Jahren werden Quantenrechner auf den Markt kommen, die mit gleichem Energieeinsatz nicht 100-mal schneller sind als heutige Rechner, auch nicht 1.000-mal schneller, nein: sie werden 10.000-mal schneller sein als die heutigen Rechner. Wir können, glaube ich, alle nur erahnen, was uns dies für Möglichkeiten eröffnet. Dabei stehen wir immer noch am Anfang dieser Entwicklung.

    Die Weiterentwicklung der Technologien folgt dem Moorschen Gesetz. Das heißt: sie entwickelt sich exponentiell.

    Die allseits beliebte Siri ist dafür ein gutes Beispiel. Siri ist fünf Jahre alt, und sie ist selbstlernend. Man kann das ausrechnen: In sieben Jahren wird Siri 128 mal besser sein als heute – sie wird Gespräche führen können wie ein Mensch.

    Wir haben es also, gemeinsam mit meinem Klempner, mit drei Herausforderungen zu tun: einer Kundengeneration, die wir nicht mehr verstehen, Konkurrenz aus aller Welt und Technologiesprünge in immer schnellerer Abfolge.

    Was also tun?

    Dazu lohnt sich ein Blick in die Großindustrie. Denn sie steht im Prinzip vor den gleichen Herausforderungen wie mein Klempner. Aber sie hat auch Lösungen.

    Bisher haben wir in Unternehmen stets in hierarchisch organisierten Strukturen gedacht. Der Chef sagt, was zu tun ist, und die Mitarbeiter führen es aus. Dabei liegt der Fokus auf dem Management von Menschen, nicht von Ideen.

    Die digitale Welt arbeitet anders. Hier managt man nicht Menschen, man managt Ideen. Dies passiert nach dem Prinzip der Plattformen. Plattformen bringen, und zwar ohne hierarchische Strukturen, Know-how und Ressourcen von überall auf der Welt ideal und kostengünstig zusammen.

    Man muss sich Plattformen vorstellen wie ein großer Zellverbund. Er findet aus sich heraus die Ideen und stellt sie ins Zentrum seines Tuns. Er wirkt von außen chaotisch, findet aber interne Strukturen, die optimal auf die einzelnen Herausforderungen angepasst sind. Sie verändern sich im Laufe des Prozesses und mit neuen Einflüssen von außen.

    Und es gibt Unternehmen, die bereits sehr erfolgreich nach diesem System arbeiten. Dazu ein Blick an die Börse. Wenn Sie einmal die fünf am höchsten bewerteten Unternehmen der Welt angucken, dann waren das bis 2011 Unternehmen aus der Old Economy: Erdöl, Banken, Versorger. Unternehmen mit hierarchischen Strukturen.

    Wenn Sie sich das heute angucken, nur sieben Jahre später, kommen die fünf wertvollsten Unternehmen allesamt aus dem IT-Bereich: Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon, Facebook. Unternehmen im Herzen der Digitalisierung. Unternehmen die das System der Plattformen, das Arbeiten in flachsten Hierarchieebenen, in holokratischen Strukturen in ihrer DNA angelegt haben.

    Ich habe nach dem Studium drei Jahre für Bosch gearbeitet, sicherlich eines der gesündesten und innovativsten Unternehmen in Deutschland. Als ich da in der Entwicklungsabteilung war, sah das so aus: ein langer Flur, viele verschlossene Türen, dahinter an fein säuberlich aufgereihten Tischen still und leise arbeitende Entwickler. Es wurde wenig gesprochen, aber hoch konzentriert gearbeitet. Es wurde das entwickelt, was der Chef vorgegeben hatte. Und jede Neuentwicklung musste von sage und schreibe acht Abteilungen freigegeben werden, damit sie weiter verfolgt werden konnte.

    Vor zwei Jahren war ich auf dem Google Campus im Silicon Valley. Hier ein ganz anderes Bild: wildes Durcheinander, Menschen lümmeln sich herum, Musik spielt im Hintergrund, es ist laut. Ein bisschen wie Starbucks auf Drogen.

    Ich habe dann jemanden gefragt, was er denn so mache. Die Antwort: „Ich entwickle eine neue Steuerung für die E-Motoren.“

    Aha. „Hat Dir jemand den Auftrag gegeben?“

    „Nein, das mache ich, weil ich Lust dazu habe. Ich habe die Idee auf unserer Plattform vorgestellt, und dann haben sich fünf Leute gemeldet, die daran mitarbeiten wollten.“

    „Und wem musst Du berichten?“

    „Nur meinem Chef.“

    Sie verstehen, wie hier gearbeitet wird: es werden die Ideen aller Mitarbeiter auf einer Plattform zusammengetragen. Und wenn sich aus der Community genügend Leute finden, die sie interessant finden, dann wird sie umgesetzt. Und wenn sich nicht genügend Leute finden, dann ist sie tot. Hier wird die Masse der Mitarbeiter als Spürnase für neue Trends genutzt. Es ist also Ideenfindung und Bewertung in einem.

    Jetzt muss man sich die Frage stellen: welche Kultur ist besser geeignet, um auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren? Welche Kultur kann sich schneller anpassen? Welche ist wachsamer? Welche erkennt neue Trends und Bedarfe besser? Welche Kultur ist attraktiver für junge Menschen?

    Eines ist klar: Das Arbeiten in solchen Systemen ist natürlich ein ganz anderes als das bisherige. Arbeiten ohne Hierarchieebenen muss man auch wollen. Und können. Eine gute Ausbildung wird dafür wichtiger denn je. Arbeiten in einem chaotischen System setzt ein hohes Maß an Flexibilität und Eigeninitiative voraus. Das eröffnet große Chancen, sich zu verwirklichen, aber es kann auch ständigen Stress bedeuten.

    Die großen Konzerne der Old Economy haben erkannt: sie brauchen neue Prozesse und eine neue Kultur, wenn sie in der digitalen Welt überleben wollen. Aber: sie können diese in ihren riesigen hierarchischen, über Generationen entwickelten Strukturen nicht umsetzen.

    Was also tun? Die großen Konzerne der Old Economy versuchen, parallel zu ihren Strukturen, Ideen und Produkte in Think Tanks und Acceleratoren entwickeln zu lassen. Sie hoffen, dass ihnen auf diese Weise keine Trends entgehen und sie als Unternehmen attraktiv bleiben für junge Mitarbeiter. Nach einer bestimmten Produktreife überführen sie dann die neuen Produkte in ihre alten Strukturen. Man wird sehen, ob das ausreicht, um zu überleben.

    Aber der Gedanke, eine neue Kultur zu entwickeln, ist der richtige.

    Was will ich Ihnen mit all dem sagen?

    Wir stehen vor den folgenden Herausforderungen:

    Die Digitalisierung betrifft uns alle.

    Die Kunden unserer Zukunft haben andere Bedürfnisse und treffen ihre Einkaufsentscheidungen anders.

    Technologiesprünge erfolgen in immer kürzeren Abständen. Es ist eine exponentielle Entwicklung.

    Und niemand weiß wirklich, was als nächstes kommt.

    Auf diese Herausforderungen können wir uns nur vorbereiten, wenn wir als Unternehmer beginnen, anders zu denken.

    Wir müssen uns rechtzeitig mit neuen Technologien und Trends beschäftigen. Das heißt nicht, dass man alles mitmachen muss. Aber man muss wachsam sein, man muss mitbekommen, wenn sich etwas Wichtiges entwickelt. Damit ich eben nicht überrascht werde, und Zeit habe zu reagieren.

    Wir müssen uns schon heute mit der kommenden Generation beschäftigen. Denn sie sind unsere Kunden und Mitarbeiter der Zukunft.

    Vor allen Dingen müssen wir aber begreifen:

    Wir dürfen die Digitalisierung nicht nur als Umsatztreiber verstehen. Nach dem Motto: Wenn ich nichts mache, bleibt mein Umsatz so wie immer. Und wenn ich mich digitalisiere, dann steigt mein Umsatz. Das ist schlicht falsch!

    Die Digitalisierung ist vielmehr notwendig zur Sicherung des Status quo. Denn wenn ich mich mit dem Thema nicht beschäftige, so wie mein Klempner, dann gehe ich verloren und sterbe ich den digitalen Tod.

    Die Digitalisierung ist nicht nur ein Update für effizientere Prozesse. Es ist nicht Industrie wie immer angereichert mit Sensoren. E-Mobilität ist auch nicht Auto wie immer, nur mit mehr Strom.

    Die Digitalisierung ist eine Revolution, denn sie erfordert von uns, dass wir als Unternehmer eine Kultur entwickeln, die den ständigen Wandel annimmt und damit umgehen kann. Die offen ist für alles Neue, die sich flexibel anpasst und die die Idee in den Mittelpunkt stellt.

    Lassen Sie mich mit Charles Darwin enden: Nicht die Stärksten überleben, sondern die, die sich am schnellsten anpassen können.

    Bilder: www.blende4.de