24.02.2016: "Alles tun, um diese Leute zu integrieren."

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Janin Meiritz
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  • hit-Technopark-Geschäftsführer Christoph Birkel mit den INNO-Talkern Wolfgang Bauer und Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz.

    „Hamburg kann so ein schwieriges Problem lösen“

    Der INNO-Talk des hit-Technopark stand ganz im Zeichen der Flüchtlinge, die Gastgeber Christoph Birkel in seinem Eingangsstatement auch als eine große Chance für unsere Gesellschaft bezeichnete. Daher habe die Familie Birkel die gemeinnützige Gesellschaft OPEN ARMS gegründet, um diesen Menschen in Not bei der Integration zu helfen.

    Vor dem eigentlichen Vortrag des in Harburg geborenen Krisenjournalisten Wolfgang Bauer, der ein Buch über die Flucht von Syrern „Über das Meer“ geschrieben hat, ging Gastredner Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, auf die Herausforderungen ein, die durch die riesengroßen Probleme auf den Schultern von Menschen mit entscheidender Verantwortung lasteten. Es sei eine Verpflichtung Europas, einen Frieden zu schaffen, der vielleicht Fluchtursachen reduziere, man dürfe aber nicht hoffen, das dies schnell geschehe. „Ich vergleiche den Krieg in Syrien mit dem 30-jährigen Krieg.“ Damals zwischen 1618 und 1648 wurden wie heute in Syrien in Europa große Teile verwüstet, zum Beispiel von den Truppen Wallensteins, wobei es - wie heute - um Religion und Macht von regionalen und überregionalen Parteien ging. Europa habe die Verpflichtung zu helfen und er hoffe, alle Staaten zu einem Beitrag zu überreden. Denn allein Hamburg benötigt in diesem Jahr zusätzlich 40.000 Plätze für Flüchtlinge, so Scholz. Eine Aufgabe, die Scholz schultern muss. „Noch haben wir keine Turnhallen für Flüchtlinge belegt“, betont der Bürgermeister. Dafür werde er kämpfen. Dabei verwies Scholz auf den Philosophen Immanuel Kant, der die Menschheit in jedem Einzelnen sah. Und jeder Einzelne ist die Menschheit. Und „Hamburg“, ist sich Scholz sicher, „kann so ein schwieriges Problem lösen.“

     

    Getreten, geschlagen und entführt:Die Flucht endete im Gefängnis

    Nicht lösen konnte der preisgekrönte Journalist Wolfgang Bauer das Problem, das er sich vor vier Jahren mit einer Recherche in Ägypten gestellt hatte. Er begleitete under cover eine syrische Familie auf ihrer gefahrvollen Flucht übers Meer, wurde von Schleusern abgezockt, getreten und geschlagen und noch vor dem Besteigen des Fluchtbootes entführt. Als die Flüchtlinge sich bei einem weiteren Versuch schon in Sicherheit wähnten, wurden die Flüchtlinge vom Kapitän des Fischerbootes auf einer Insel ausgesetzt und von der Küstenwache aufgebracht und die Insassen verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Erst die Offenlegung seiner wahren Identität rettete dem deutschen Reporter und seinem tschechischen Fotografen das Leben.

    Bauer las nur wenige Passagen aus seinem Bestseller-Roman „Über das Meer“ vor, sondern schilderte in bewegten Worten die gefährlichen und lebensbedrohenden Zustände in Syrien. Die meisten Syrier wären nicht wegen des Krieges geflohen, sondern wegen der Bombardements. Und da diese bis heute nicht gestoppt seien, könnten wir diese Menschen, die zu uns fliehen, auch nicht aufhalten. Als versöhnlichen Schluss berichtete Bauer, dass es seine damaligen Fluchtgenossen alle in den Westen geschafft hätten, aber glücklich wären die meisten nicht geworden.

    Nach seinen Vortrag beantwortete Wolfgang Bauer viele Fragen aus dem Auditorium. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein sehr gut informiertes Publikum handelte, das auch noch beim anschließenden Essen gebannt an den Lippen des Kriegsreporters hing. Ein Reporter, der mitfühlt und eine konkrete Vorstellung von Menschlichkeit hat: „Wir müssen alle Ressourcen nützen, um diese Menschen zu integrieren“ war sein Schlusswort.