20.03.2015: Neue Mitarbeiterin für das Projekt „Open Arms

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Janin Meiritz
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  • Neu im hit-Technopark-Team: Birgit Rajski leitet das neue Sozialprojekt

Die Anzahl von Menschen, die sich Deutschland als Zufluchtsort vor Kriegen, Verfolgung oder Armut ausgewählt haben, ist in den vergangenen Jahren stark angewachsen. Derzeit baut die Stadt Hamburg auch am Moorburger Bogen in unmittelbarer Nähe des hit-Technoparks mehrere Häuser für die Unterbringung von Asylsuchenden. Die dort vermutlich von Mitte Oktober an 168 untergebrachten Flüchtlingen möchte der hit-Technopark unterstützen. „Wir begreifen diese Hilfe als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Geschäftsführer Christoph Birkel, „und stellen uns dieser Verantwortung.“

 Die Gründung der gemeinnützigen Gesellschaft „Open Arms“ und die Verpflichtung der Harburger Sozialpolitikerin Birgit Rajski als Leiterin dieser Einrichtung sind die ersten Schritte des Engagements des hit-Technoparks. Rajski kennt sich in der Materie aus. Seit vielen Jahren sitzt sie als Abgeordnete der SPD-Bezirksfraktion in der Harburger Bezirksversammlung, aktuell in den Ausschüssen Jugendhilfe und Soziales, Bildung und Integration. Außerdem betreute sie in den letzten sieben Legislaturperioden die Büros diverser Hamburger Bürgerschaftsabgeordneter.

 „Mit Open Arms möchten wir eine neue Willkommenskultur in Harburg schaffen“, sagt Birgit Rajski, 48, Mutter eines zehnjährigen Sohnes. „Und wir wollen Ansprechpartner aller Initiativen, Bewohner und Anwohner werden und konkrete Hilfe leisten.“ Dazu zählen etwa die Begleitung der Flüchtlinge bei Behördengängen und Arztbesuchen, das Bereitstellen von Räumen zur Sprachschulung oder die Schaffung von Praktika, Ausbildungs- und Arbeitsstellen im hit-Technopark. Wenn die Unterkünfte im Herbst fertiggestellt sind und die erste Familien aus Syrien einziehen, wird sie der hit-Technopark  mit „Open Arms“ empfangen.

 

„Ein Geschenk für Deutschland“

Mit der Open Arms gGmbH will Unternehmer Christoph Birkel eine neue Willkommens-Kultur für Flüchtlinge schaffen. Die Initiative ist Anlaufstelle für Anwohner, Behörden, Unternehmen und Helfer.
Und sie unterstützt die Integration der Bewohner des Flüchtlingsdorfes am Bostelbeker Bogen.

 

Wenn Birgit Rajski anderen Leuten von ihrem neuen Job erzählt, blickt sie manchmal in ungläubige Gesichter. Beispielsweise bei Detlef Scheele, Hamburgs Senator für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Scheele sei erstaunt gewesen, berichtet Rajski, dass „ein Unternehmer sich in diesem Maße engagiert, obwohl er davon direkt gar nicht profitiert“. Doch darum geht es Christoph Birkel, dem Geschäftsführer des hit-Technopark, in diesem Fall auch gar nicht. Die Open Arms gGmbH wird er im Juni gründen und Birgit Rajski als Projektleiterin in Vollzeit angestellen, weil es „unsere Pflicht ist, diese Menschen aus anderen Ländern zu unterstützen und sie mit offenen Armen aufzunehmen“.

Die neue Gesellschaft versteht sich als Angebot an alle, die sich um das Thema Flüchtlinge kümmern. Also sowohl als Anlaufstelle für die Flüchtlinge selbst, als auch als Gesprächspartner für Anwohner, Unternehmer, Politiker und Behörden. Dafür ist Birgit Rajski die richtige Frau am richtigen Platz. Die SPD-Bezirksabgeordnete
hat viele Jahre als Büroleiterin für verschiedene Bürgerschaftsabgeordnete gearbeitet, ist stellvertretende Leiterin des Jugendhilfeausschusses, sitzt im Sozialausschuss, weiß wie Behörden funktionieren und ist im Hamburger Politikbetrieb bestens vernetzt. Christoph Birkel sagt: „Unser Ziel ist es, diese Menschen schnell und unbürokratisch in Lohn und Brot zu bringen.“ Dabei könnte ein gewisser Einfluss auf die Politik nicht schaden. Seit 1. April sitzt Rajski bereits in ihrem neuen Büro im hit-Technopark, fast Wand an Wand mit Birkel, und arbeitet an den Strukturen der Open Arms gGmbH. Auch hier glüht der direkte Draht.

Auslöser für die Gründung der Open Arms gGmbH war die Entscheidung des Hamburger Senates, auf der ehemaligen Pferdekoppel am Bostelbeker Bogen, in unmittelbarer Nachbarschaft des hit-Technopark, eine neue Wohnunterkunft für Flüchtlinge zu bauen. 168 Menschen sollen die acht geplanten Häuser im Herbst beziehen, überwiegend Flüchtlingsfamilien. Das Ziel von Open Arms ist, die Integration dieser Menschen zu beschleunigen. Bei einem Besuch von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz am Tempowerkring hat Birkel dem Regierungschef schon vor längerer Zeit klar­gemacht: „Wenn ich monatelang nichts zu tun hätte, würde ich auch auf dumme Gedanken kommen.“ Pragmatische, schnelle Hilfe ist oberstes Ziel von Open Arms: Vermittlung von Sprachunterricht beispielsweise, das Organisieren von Sportangeboten, aber auch von Jobs – am besten bei den rund hundert Unternehmen des hit-Technopark. Mit Open Arms will Birkel eine neue Willkommenskultur in Hamburg etablieren. „Die Flüchtlinge sind ein Geschenk für Deutschland“, sagt er.

Das kann er auch erklären. „Uns fehlen in Deutschland jedes Jahr 300.000 bis 500.000 junge Menschen, wenn wir den demografischen Knick durch die Überalterung unserer Gesellschaft ausgleichen wollen“, sagt Birkel in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung „Business & People“. „Dies könnte uns mit Hilfe der Flüchtlinge, die in unser Land kommen, gelingen.“ Tatsächlich sind die Bedenken, die in der Bevölkerung zuweilen noch herrschen und sich nur langsam abbauen lassen, unbegründet. Die meisten Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind gut ausgebildet und hoch motiviert; Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Facharbeiter sind darunter, alles Berufsgruppen, die in Deutschland mittlerweile stark gesucht und oft genug nicht gefunden werden. Somit könnten der Unternehmer Birkel und die Mieter der Büro- und Technikumsflächen im hit-Technopark am Ende womöglich doch noch ganz konkret selbst von den neuen Nachbarn profitieren – als hoch qualifizierte Arbeitskräfte.

Open Arms will aber nicht nur den Flüchtlingen selbst helfen, sondern auch den Helfern. Dazu werden künftig Kurse angeboten, die Freiwillige in verschiedenen Fachgebieten ausbilden, damit diese dann ihr neues Wissen als ehrenamtliche Helfer weitergeben können. Und zwar ohne vorher selbst zur Kasse gebeten zu werden. Bislang ist es nämlich so, dass Helfer ihre Ausbildung selbst bezahlen mussten. „Ein Unding, dass jemand für seine freiwillige Arbeit nicht nur nicht bezahlt wird, sondern dafür auch noch selbst zahlen soll“, sagt Birkel. Open Arms wird deshalb die Kosten für die Kurse ab sofort übernehmen. Und auch Räumlichkeiten für die Schulungen im hit-Technopark zur Verfügung stellen. Birkel: „Ich möchte etwas von den Möglichkeiten zurückgeben, die ich bekommen habe.“

Darüber hinaus möchte Open Arms dabei helfen, die mittlerweile zahlreichen Flüchtlingsinitiativen in Hamburg zu vernetzen und die gemeinsamen Ziele zu kanalisieren. „Wir arbeiten gern mit allen zusammen“, sagt Birkel. „Es macht doch keinen Sinn, wenn alle ihr eigenes Süppchen kochen. Gemeinsam sind wir noch stärker.“ Open Arms bietet daher an, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und einzelne Projekte zum Nutzen aller zu koordinieren.

Für Birgit Rajski ist das übrigens eine der angenehmsten Erkenntnisse der ersten Wochen im neuen Job. „Ich nenne das Querschnittsthema“, sagt Rajski. „Denn tatsächlich gibt es kaum ein Thema, bei dem so viele unterschiedliche Menschen zusammen an einem Tisch sitzen. Wenn es um Flüchtlinge geht, hat man alle Parteien zusammen – von den Autonomen bis zur Kirchengemeinde. Und alle haben das gleiche Ziel.“

Und deshalb den Flüchtlingen, die nach Harburg kommen, einen herzlichen Empfang zu bereiten.

 

 

Interview

„Das Flüchtlings-Thema wird uns die nächsten Jahrzehnte begleiten“

 Open-Arms-Projektleiterin Birgit Rajski über die veränderte Art von kriegerischen
Konflikten in Krisengebieten, die gesellschaftliche Verantwortung Deutschlands, und
warum die Flüchtlingsströme für den Arbeitsmarkt ein großer Segen sind.

 

hitNews: Frau Rajski, die Initiative Open Arms ist gegründet worden, um die Flüchtlingsarbeit zu unterstützen. Warum betrifft dieses Thema uns alle so stark?

Birgit Rajski: Natürlich aus einem Gefühl der Verantwortung heraus. Deutschland ist keine Insel, sondern Mitglied einer Weltgemeinschaft, das seinen Beitrag zu leisten hat, wenn es irgendwo kracht. Das tun wir aber noch viel zu wenig. Es gibt 50 Millionen Flüchtlinge auf der Welt, nur 0,3 Prozent davon kommen nach Deutschland; zu einem nicht unwesentlichen Teil übrigens die Eliten. Deshalb ist die Situation für uns keine Bedrohung, sondern sogar eine große Chance. Mit Hilfe der Flüchtlinge könnten wir in Zukunft die fortschreitende Überalterung unserer Gesellschaft und den damit einher gehenden Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt abpuffern.

 

hitNews: Sie gehen davon aus, dass die Flüchtlinge nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft in Deutschland bleiben?

Rajski: Ja. Und das Thema wird uns nicht nur in den kommenden Jahren, sondern in den nächsten Jahrzehnten begleiten. Der Grund dafür ist, dass sich die Art der Konflikte in der Welt verändert hat. Früher gab es Kriege zwischen Staaten, die – so schlimm das war – auf eine Lösung zusteuerten. Dann gab es irgendwann einen Friedensvertrag und man konnte zurückkehren und beginnen, das Land neu aufzubauen.

 

hitNews: Und heute?

Rajski: Ist es anders. Die meisten Kriege sind Stellvertreter-Konflikte zwischen Religionen und Volksgruppen innerhalb verschiedener Länder, an deren Fortführung die großen Staaten sogar noch ein Interesse haben und sie mit Waffenlieferungen unterstützen. Haben Sie noch eine Meinung, wer in Syrien die Guten und wer die Schlechten sind? Ich nicht. Und wenn dann in diesen Regionen der Krieg irgendwann vorbei sein sollte, wird es Staaten wie Syrien oder den Irak in ihrer alten Erscheinungsform gar nicht mehr geben. Das bedeutet: Wenn man aus diesen Ländern flüchtet, gibt es keine Perspektive für eine Rückkehr.

 

hitNews: Wie sollte ein Land wie Deutschland konkret auf die Situation reagieren?

Rajski: Es ist an der Zeit, dass wir uns richtig verhalten. Mein Eindruck ist, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung deutlich gestiegen und die Stimmung positiver ist. Wir müssen aber jetzt auch die Weichen dafür stellen und beispielsweise Gesetze der aktuellen Situation anpassen.

 

hitNews: Was bedeutet das?

Rajski: Wir müssen den Leuten, die zu uns kommen, die Möglichkeit geben, bei uns legal zu leben und zu arbeiten. Das gilt sowohl für politische Flüchtlinge als auch für Menschen, die nach Deutschland kommen, weil sie glauben, hier überhaupt oder eine bessere Arbeit als Zuhause zu finden.

 

hitNews: Sie meinen also neben Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak auch diejenigen, die etwa aus Osteuropa nach Deutschland kommen und hier auf Arbeit hoffen.

Rajski: Die so genannten Wirtschaftsflüchtlinge, ja. Dieses Wort wird heutzutage ja wie ein Schimpfwort benutzt. Dabei ist es überhaupt nichts Ehrenrühriges, wenn man in ein anderes Land geht, weil man sich dort bessere Arbeitsbedingungen erhofft. Arbeitsmigration gibt es seit Jahrhunderten. Selbst in der Antike war es völlig normal, dass man dorthin zog, wo man sich Arbeit und einen gewissen Wohlstand erhoffen durfte. Wir dürfen diese Menschen nicht wie Illegale behandeln.

 

hitNews: Ist das auch Ihre Motivation, die Leitung der Open Arms gGmbH zu übernehmen – aktiv zu helfen, die Situation zu verbessern?

Rajski: Ja. Und mich hat die Initiative der Familie Birkel beeindruckt, dass ein Unternehmer so etwas macht, ohne davon direkt zu profitieren, ist offenkundig eher die Ausnahme als die Regel. Für mich entspricht dieses Handeln dem klassischen Bild des Unternehmens-Patriarchen, der sich neben seinem Geschäft auch darum kümmert, dass es den Menschen in seinem Umfeld und in seiner Stadt besser geht.